Doppelte Staatsbürgerschaft

Doppelte Staatsbürgerschaft

Wie Behörden eine doppelte Staatsbürgerschaft zu erzwingen versuchen
“Ihr Sohn ist Deutscher - ob er will oder nicht”
Der Bericht der Mutter eines britischen Kindes, das nur eine Arbeitserlaubnis benötigte
Von Julia Berendsohn



Viele Jahre lebte ich in Großbritannien, hatte dort Kinder und - demzufolge - eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis. Bürokratie schreiben die Briten wie fast alles: klein. Man braucht zwar einen Reisepaß, um ins Ausland zu kommen, sonst aber existiert man ganz ohne Stempel, Register und Rechner. Aber dann zog ich zurück nach Deutschland. Es fing ganz harmlos an. Ich war naiv genug gewesen, im Bezirksamt nach den - vorher noch einmal tief einatmen -Jugendarbeitsschutzuntersuchungsberechtigungsscheinen zu fragen. Das ist nicht erlaubt. Für alles und jedes gilt: Nummernziehen! Ausharren! (Drei Stunden!) Verwirrung stiften!


“Ihr Sohn will arbeiten?”
“Ja, er muß ein Praktikum machen.”
“Ist er bei uns gemeldet?”
“Ja, wir sind kürzlich zugezogen.” (Erinnerungen an Nummernziehen, Ausharren, Verwirrung stiften . . .)
“Er steht aber nicht im Computer!”
“Ach” (noch leichthin gesagt), “dann ist er vielleicht unter meinem Namen eingetragen worden.”
“Aber in dem Paß, den ich hier von Ihnen habe . . .”
“Das ist der Name des Vaters. Die Briten haben meinen Nachnamen aus Versehen als zweiten Vornamen gesetzt.”
“Aus Versehen?”
“Man kann so einen britischen Reisepaß per Post beantragen . . .”
“Das geht nicht, Ihr Sohn ist doch Deutscher!”
“Nein, mit 16 durfte er seine Nationalität wählen.”
“Wer hat das behauptet?”
“Die britische Behörde. Und das deutsche Konsulat wollte ihm beide Staatsangehörigkeiten sowieso nicht erlauben.”
“Das ist natürlich möglich. Bloß ist er zuerst einmal Deutscher, weil Sie ja Deutsche sind!”
“Aber . . .”
“Am besten” (unwillig), “Sie rufen hier sofort an!”
Eine Nummer wird mir zugeschoben und - immerhin - der unaussprechliche Schein.


Urkunden seit 1913
Ich wähle die “Behörde für Inneres, Abteilung für Staatsangehörigkeit / Europäische Union”. Ein geduldiger, wenn auch zunehmend verdutzter Herr versucht freundlich zu bleiben. Es gelingt uns beiden nur knapp.
“Guten Tag. Mein Sohn ist Brite, ich bin Deutsche. Man sagte mir, ich müsse umgehend mit Ihnen sprechen.”
“Sind Sie nicht verheiratet?”
“Doch, aber nicht mit dem Vater.”
“Das ist egal. Nach deutschem Recht ist Ihr Sohn Deutscher.”
“Aber er hat einen britischen Paß!”
“Nein, nein, er braucht einen Personalausweis! Dann darf er auch britisch bleiben, wenn er will!”
“Wieso mußte er denn mit 16 wählen, welche Nation . . .”
“Das weiß ich doch nicht!”
“Mein Sohn möchte gar nicht Deutscher sein!”
“Das ist unmöglich!”
“Wie?”
“Er ist Deutscher!”
“Ohne Personalausweis?”
“Den muß er sich schnellstens besorgen!”
“Er fühlt sich als Brite, wurde da geboren, Englisch ist seine Mutter- . . . nein, Vater- . . .”
“Kann er denn überhaupt belegen, daß er Brite ist?”
“Ich habe doch gesagt, er hat den Paß!”
“Das reicht nicht. Da müssen wir die Unterlagen aus Schottland haben! Sonst gibt’s ja keine Beweise!”
“Unterlagen? Wir haben keine, es gibt keine . . .”
“Es muß doch . . .”
“Die benötigten nur seine Geburtsurkunde, die habe ich bei mir und auch beim Bezirksamt vorgelegt!”
“Das genügte denen? Trotzdem ist er Deutscher! Ob er will oder nicht!”
“Er will aber nicht!” Lange Pause, die nach ,Andere-würden-sich-darum-reißen’ klingt . . . “Es tut mir leid.” (Wofür entschuldige ich mich?)
“Dann muß er beantragen, daß er kein Deutscher sein will, und zwar mit den entsprechenden Formularen, persönlich.”
“Welche Formulare?”
“Mindestens sämtliche Geburts- und Heiratsurkunden, Sie haben ja mehrere Namen in der Familie, auch von den Großeltern mütterlicherseits und . . .wann wurden Ihre Eltern geboren?”
“1922 und 1923.”
“Aha! In dem Fall müssen auch die Urkunden der Urgroßeltern vorliegen, alles bis ins Jahr 1913 zurückgehend!”
“Bis 1913? Wofür?”
“Um zu beweisen, daß Ihr Sohn deutschstämmig ist!”
“Aber er will doch gar nicht deutschstämmig sein!”
“Das kann er ja danach auf Antrag ablehnen, wie ich Ihnen schon zu erklären versucht habe, aber dafür muß er erst einmal beweisen, daß er es überhaupt ist!”
“?” (Hilfe!)
“Wie alt ist er eigentlich?”
“17.”
“Aha! Da geht das Ablehnen natürlich erst nach der Einberufung, beziehungsweise nach der Bundeswehr!”
“Bundeswehr?” (kleinlaut) “Ich dachte, als Brite . . . Er hat nur drei Jahre Aufenthaltserlaubnis von der Ausländerbehörde und . . .”
“Wie bitte? Die Ausländerbehörde hat ihm als Deutschen . . .”
“Als Briten!”
“Sie müssen dort sofort noch einmal vorsprechen und diesen Unsinn aufklären, mit dem Personalausweis Ihres Sohnes!”
“Ja” (erschöpft) “das muß ich wohl . . .”

Mein Sohn, der gar keinen Personalausweis hat oder haben möchte, überlegt seitdem, ob er seine ungewollte doppelte Staatsbürgerschaft nicht einem netten anderen Ausländer, der bisher vergeblich versucht hat, Deutscher zu werden, überlassen soll. Sozusagen zur Adoption.

Nachtrag: Es hat nicht geklappt. Weder so, noch so. Kriegsdienstverweigerer brauchen - einen Personalausweis. Bloß fehlte dazu die deutsche Geburtsurkunde, die nie geschrieben wurde, weil mein Sohn ja in Schottland automatisch als Schotte zur Welt kam und deshalb nur ein schottisches Dokument besitzt.

Die zuständigen Schreibtische warfen vor Entsetzen die Beine hoch und schlugen vor, ein entsprechendes deutsches Papier zu erstellen - was allerdings ein paar Jahre dauern würde -, und der völlig entnervte Hamburger Beamte tippte schließlich britische Daten in den neuen Ausweis und warf den alten deutschen Kinderpaß, samt rechtsgültigem Nachnamen der damals noch unverheirateten Mutter, in den amtsinternen Papierkorb. Ohne hinzusehen. Mein Sohn blieb erhalten.

War was? Wurde nicht vor der Gefahr doppelter Staatsbürgerschaft eindringlich gewarnt? Das Gespenst der fehlenden Loyalität, ja gar Identität, in grausigen Einzelheiten ausgemalt? Und nun zwingt eine deutsche Behörde einen jungen Mann zu dieser inneren Zerrissenheit, zu dieser Aufmunterung zum Absahnen von Vorteilen, gar zur Kriminalität? Ich bin besorgt. Ich laufe wieder zum Bezirksamt. Nummern ziehen! Ausharren! Verwirrung stiften!

Die Autorin, eine gebürtige Deutsche, lebte von 1974 bis 1995 in Großbritanien, seitdem wohnt sie in Hamburg.